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Dendroarchäologie
Der Begriff „Dendroarchäologie“ (von griech. δένδρον déndron „Baum“, ἀρχαῖος archaios, „alt“ und λόγος lógos „Lehre“; wörtlich „Lehre von den Baum-Altertümern“) wird bereits seit den 1960er-Jahren für die dendrochronologische Datierung von Hölzern aus archäologischem Kontext verwendet. Zwischenzeitlich hat der Begriff eine weitergefasste Bedeutung: Die moderne Dendroarchäologie behandelt neben chronologischen Aspekten auch paläoklimatologische, -ökologische sowie wirtschaftsarchäologische und forstgeschichtliche Fragestellungen. Archäologisch geborgene Holzfunde und Hölzer aus historischen Gebäuden sind sowohl Artefakte, also vom Menschen künstlich geformte Objekte, als auch Naturprodukte mit vom Menschen weitgehend unbeeinflussten Eigenschaften. Dieses Zusammenspiel von Naturstoff und menschlicher Prägung macht archäologische bzw. historische Hölzer zu wichtigen Informationsträgern für das Verhältnis und die Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt in vergangenen Zeiten.
Rohstoff Holz
Bis zur Industrialisierung spielte Holz als vielseitiger Bau- und Werkstoff eine zentrale Rolle in nahezu allen Lebensbereichen. Als leicht zu bearbeitender und nachwachsender Werkstoff war Holz in allen vergangenen Epochen elementar und blieb bis zur modernen Entwicklung von Ersatzstoffen eine zentrale Ressource. Als Baustoff war Holz neben Stein und Lehm eines der wichtigsten Materialien für alle sesshaften Gesellschaften. Daneben war Holz der bedeutendste Energieträger für haus- und handwerkliche Prozesse und trat in seiner Rolle erst durch die moderne Nutzung fossiler Brennstoffe zurück, mit der alternative Energiequellen erschlossen wurden. Spätestens seit dem Neolithikum griff der Mensch durch seine Holznutzung in die natürliche Vegetation ein und erschuf so unter anderem Kulturlandschaft. Wirtschaftliche und technische Entwicklung sind dabei eng mit der Ressource Holz verbunden.
Holzerhaltung
Holz ist mit seinen chemischen Grundsubstanzen Cellulose, Hemicellulose und Lignin ein leicht vergängliches und biologisch abbaubares organisches Material, das nur unter bestimmten Umständen über lange Zeiträume konserviert wird. Die archäologisch häufigste Erhaltungsform ist im permanenten Feuchtmilieu zu finden, etwa in Zonen unterhalb des Grundwasserspiegels. Dort verhindert der dauerhafte Luftabschluss die Zersetzung durch aerobe Mikroorganismen und verlangsamt den biologischen Abbau stark. Derart gelagert können Hölzer Jahrtausende überdauern. Die Sättigung mit Wasser erhält die Zellstruktur weitestgehend und ermöglicht eine mikroskopische Holzartenbestimmung. Auch die äußere Form des Artefakts bleibt bestehen und lässt Bearbeitungsspuren und technische Details erkennen.
Dendrochronologie
Der Jahreszuwachs von Bäumen spiegelt die Wuchsbedingungen wider und lässt sich in unseren Breiten an den Jahrringen ablesen. Dabei zeigen alle Bäume derselben Art in einer Region ein ähnliches Wuchsmuster. Durch die Messung von Jahrringbreiten können Wuchsmuster verglichen und Wuchszeiträume synchronisiert werden. Dieses Phänomen nutzt die Dendrochronologie (Jahrringanalyse), um Hölzer jahrgenau zu datieren. So lassen sich chronologische Fragen der Archäologien, der Bauforschung und der Kunstgeschichte klären. Große Datenmengen, etwa aus archäologischen Ausgrabungen, ermöglichen es, Besiedlungsgeschichte und Siedlungsdynamik chronologisch präzise zu erfassen. Die Jahrring-Abfolgen erlauben aber auch Einblicke in die Wechselwirkung zwischen Mensch, Holz und Wald. Der interdisziplinäre Forschungsansatz der Dendroarchäologie rückt verstärkt die Themenkomplexe Waldnutzung und Holztechnik sowie das Paläoklima in den Fokus. So liefert die Dendroarchäologie neue Erkenntnisse zur (prä)historische Siedlungs- und Technikgeschichte sowie Einblicke in das Alltagsleben vergangener Gesellschaften.
Holzfunde als Quellen der interdisziplinären Geschichtsforschung
Ob natürlich abgelagerte Baumstämme, bearbeitete Bauhölzer und Artefakte oder Holzkohlen: Holzfunde aus allen Zeiten sind wertvolle Quellen für umweltarchäologische Fragestellungen. Die Dendrochronologie ermöglicht Datierungen in für archäologische Funde sonst kaum erreichbarer Präzision. Holzfunde liefern jedoch nicht nur absolut-chronologische Daten für archäologische und bauhistorische Befunde, sondern stellen auch ein veritables Klimaarchiv dar. Verwendete Holzarten, Schnittwaren und Stammdurchmesser erlauben darüber hinaus Rückschlüsse auf wirtschaftsgeschichtliche Aspekte wie Selektion, Ressourcennutzung, Rohstoffversorgung und Waldbewirtschaftung. Bearbeitungsspuren auf den Holzoberflächen liefern Informationen zu Herstellungsprozessen und Technikgeschichte.